Im Gegensatz zu den letzten zwei Tagen, schien die Sonne am Sonntag Morgen nicht in unser Zimmer. Draußen war es, wie eigentlich üblich für diese Jahreszeit, eher grau. Wie gern wäre ich liegen geblieben und hätte Balle beim Duschen zugeguckt. Auf der Agenda stand jedoch ein weiteres Spiel auf dem Balkan. Für mich nur das zweite und für die anderen Herrschaften das letzte Spiel auf ihrer einwöchigen Tour. Am Belgrader Hauptbahnhof schnell etwas gefuttert, einen Zwickauer eingeladen und schon saßen wir wieder in Michas rumänischer Großraumlimousine.
Mit dem Westsachsen an Bord wurde die Zeit sogar mal mit ein paar informativen Themen verplempert. Balle träumte hingegen schon wieder vor sich hin und sah sich bereits selbst in einem „Hustler Movie“ und verteilte C*.....ach, lassen wir das. Die knapp zweieinhalbstündige Fahrt verlief also relativ kurzweilig.
An der serbisch-kroatischen Grenze hatten die Jungs an der Passkontrolle einiges an Problemen, unsere mit Einträgen gefüllten Personalien zu checken, anders kann ich mir die fast 20-minütige Warterei nicht erklären. Angeblich hatten sie Schwierigkeiten mit dem Rechner. Das letzte mal, als ich so etwas gehört habe, musste ich danach wieder zurück reisen. Kurz hinter der Grenze wartete dann eine Stadt auf uns, deren Geschichte im Balkankrieg durchaus interessant und vor allem sehr komplex ist: Vukovar. Ohne den Kollegen aus Zwickau hätte ich mich wohl höchstens über den „defekten“ Wasserturm der 28 000 Einwohner Stadt gewundert, aber stattdessen erfuhr ich von der Rolle der Stadt und ihrem Status als eines der am stärksten umkämpften Gebiete. Ich würde gern mehr dazu schreiben, doch bisher bin ich dazu einfach zu unbelesen und kann nur auf Wikipedia verweisen, damit ihr euch mal ein Bild machen könnt. Die Gegend wurde jedenfalls mit dem Umschalten des Telefonanbieters schlagartig schöner und vor allem sauberer. Wenn ich an den ganzen Müll und die verfallenen Häuser im östlichen Serbien denke, so war man hier irgendwie schon wieder in einer ganz anderen Welt. Die ganzen kleinen Höfe in den Ortschaften auf unserer Strecke erinnerten mich teilweise an Orte in Brandenburg oder Meck-Pomm.
In einem der Vororte von Vukovar konnten wir an einer Kneipe in Richtung Osijek bereits die ersten Hajduk Leute rumlungern sehen. Wie auch Dinamo Zagreb, scheint Hajduk einiges an Sektionen im ganzen Land zu haben. Aber das sollte uns nicht sonderlich interessieren, unser Fokus lag die ganze Fahrt über auf dem Wetter. Der Wetterbericht verlautete Regen am Nachmittag, bisher war aber alles trocken. Ein Vöglein hatte uns im Vorfeld gezwitschert, dass der Ground vom FK Osjiek über keinerlei Überdachung verfüge. Kurz nach dem parken des Autos und dem ordern unserer Tickets fand der erste Tropfen den Weg auf meine Rübe. Ich hätte kotzen können. Neben dem halbfertigen Stadion „Gradski“ (zumindest sieht es so aus, mit der Haupttribüne hatte man offenbar größeres vor), hatte man immerhin eine Halle mit ein paar Restaurants hingezimmert, so dass wir uns die Zeit bis zum Anpfiff mit Speis und Trank verkürzen konnten. Das Preisniveau hier war zwar schon spürbar höher, aber für Deutsche immer noch im „Schnäppchen“-Bereich. Ich für meinen Teil hätte für den Preis keine so große Fleischplatte erwartet.
Mit voller Plauze konnten wir uns nun endlich in den Regen stellen. Da die Fans des Gastgebers aber bereits in der Nacht zuvor den 70.Vereinsgeburtstag in der Innenstadt mit jeder Menge Pyrotechnik zelebriert haben, hatten wir wenigstens die Hoffnung, der Heimpöbel würde am Spieltag erst recht die Regentropfen mittels bengalischer Feuer zum verdunsten bringen. Zum Intro gab es jedoch erst mal gar nichts, weder von den geschätzt 800 (?) Hajduk-Supportern, noch von der „Kohorta Osjiek“. Aber wenn schon die Szenen nicht begeistern können, dann manchmal immerhin die weiblichen Gäste. Sowohl Kollege Balle als auch ich wussten zunächst nicht auf/in welche Kurve wir zuerst gucken sollten. Wir wechselten dann sicherheitshalber den Standpunkt, um uns auf das wesentliche zu konzentrieren. Die Seite der Hausherren legte in der ersten Halbzeit eigentlich eine ganz nette Show hin. Die Gesänge wurden nicht immer von allen Leuten im Sektor getragen, konnten aber trotzdem eine ansprechende Lautstärke erreichen. Die Gäste konnten wir zwar gut hören, waren aber trotzdem ein Stück zu weit weg, um die Jungs etwas näher zu beäugen. Im Verlauf der ersten Halbzeit zog die Heimseite dann endlich ein paar Blockfahnen nach oben, doch unsere Hoffnung auf etwas künstliche Beleuchtung wurde leider nicht befriedigt. Im Nachgang dieser Partie kam uns zu Ohren, dass die Herrschaften aus Osjiek schon einiges an Pyrotechnik geplant und auch schon versteckt hatten, dieser Plan aber von der Staatsmacht vereitelt wurde. Mit demselben Problem hatten auch die Jungs von der „Torcidia Split“ zu kämpfen. Trotzdem schafften sie es immerhin, ein paar Sachen mit ins Stadion zu bekommen und diese in der 2.Halbzeit zu entzünden. War zwar keine überragende Pyro-Show, aber insgesamt wusste Hajduk schon zu gefallen. Mit dem Wechsel unseres Beobachtungspostens konnten wir uns auch viel mehr an den Pogoeinlagen der Gäste erfreuen. Als kurz vor Ende der Siegtreffer für die Hausherren fiel, hofften wir nochmal kurz auf eine große Show. Aber wie bereits erwähnt, es war ja nichts drin. Das wussten wir ja zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Ziemlich nass und durchgefroren erklärten wir das Stadion Gradski ca vier Minuten vor Schlusspfiff für „abgehakt“ und zogen direkt von dannen. Schließlich sollten mich die Jungs noch in Budapest am Flughafen absetzen.
Das Zeitpolster war eigentlich mehr als ausreichend, doch Roberts Hang zum Bleifuß ließ mich knapp 30 Minuten nach Fahrtbeginn bereits das erste mal am erreichen meines Fliegers zweifeln. Ein kroatischer Verkehrsbulle rannte wild gestikulierend auf die Straße und gab uns zu verstehen, dass wir wohl etwas zu zügig unterwegs waren. Letztlich war das ganze wenig dramatisch, nur als Robert auf einmal mit dem Bullen im Auto ohne irgendeine Info davon brauste und uns ohne Schlüssel und Fahrzeugpapiere in der kroatischen Prärie stehen ließ, guckten wir etwas dumm aus der Wäsche. Der nette Mann von der Polizei wollten dem Verkehrssünder aber doch nur zeigen wo genau er das Schild übersehen hatte und brachte ihn fünf Minuten später zu seinen Kumpels zurück. Mensch sind die freundlich hier… Eine weitere halbe Stunde später standen wir auch schon an der kroatisch-ungarischen Grenze. Im Vorfeld der ganzen Reise hatte ich gegenüber meinem Arbeitgeber bereits gewitzelt, dass ich ganz sicher am Montagvormittag wieder auf der Matte stehe, vorausgesetzt Viktor Orban lässt uns rein. Tja, er wollte uns nicht rein lassen. Zumindest nicht so, wie wir es in Deutschland handhaben. Der blöde Hund wollte tatsächlich wissen, wer da in sein Land einreist. Und das zog sich in die Länge. Nach knapp 1½ Stunden war der Flug eigentlich schon nicht mehr zu erreichen und ich machte sowohl meine nahen Verwandten und Kollegen mit einer verzögerten Ankunft vertraut, meine Begleiter mussten sich indes damit anfreunden, sich mit mir bis Dresden die Rückbank zu teilen. Viel bequemer wäre meine Rückreise mit Flugzeug und Nachtzug zwar auch nicht gewesen, aber sie war immerhin schon bezahlt. Lange Rede, kurzer Sinn: Montagmorgen um halb fünf konnten meine Cottbuser Begleiter mich und den Herrn aus Zwickau am Dresdner Hauptbahnhof vor die Tür setzen und nach kurzer Wartezeit sowie Zahlung einer erhöhten Spende an die deutsche Bahn, konnte ich ebenfalls die letzte Etappe meiner Reise antreten.
Das Ende war zwar etwas teuer und mühsam, aber im Großen und Ganzen hat sich der Trip schon gelohnt und ich kann mich an dieser Stelle nur noch einmal bei Micha,Robert und Balle fürs Mitnehmen bedanken. Und das nächste Mal fahre ich auch mal ein Stück.
Wir haben noch immer die Saison 2016/2017 und noch immer gibt es wenig Interessantes in meinem favorisierten Fußballland. Zu Gunsten des nun folgenden Reiseberichts, breche ich einfach mal mit der korrekten Chronologie besuchter Spiele und reiche diese eventuell später mal nach. Ich will Euch eben gern mal wieder etwas Aktualität bilden.
Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals so dermaßen viel storniert, umgebucht oder schlichtweg verpasst habe wie bei dieser Tour. Es ist nicht ganz einfach einen Ausflug zu planen mit Freunden, die fast jeden Tag ihrer einwöchigen Tour in einem anderen Land Fußball glotzen wollen. Eine ganze Woche war für mich ohnehin von vornherein ausgeschlossen, dafür fehlt mir sowohl die Zeit, als auch das Verständnis der „Regierung“. Bevor ich meine ersten Flüge buchte, war der Plan noch: Mittwochs Belgrad-Derby, Donnerstag: Derby in Bukarest und sonnabends das Nachbarschaftsduell in Sofia. Geile Sache dachte ich mir und buchte einfach mal Hin- und Rückflug nach Belgrad. Dort sollte ich dann mit meinen Cottbuser Kollegen zusammen kommen usw…
Selbstverständlich hat es genau so nicht funktioniert,denn irgendwann im Januar wurde der Kick in Belgrad schon auf Sonnabend verschoben und die cleveren Jungs werden nun natürlich festgestellt haben, dass da ein gewisses Problem entstand. Für unsere Hopper taten sich damit hingegen ganz neue Möglichkeiten auf und ich suchte nach entsprechenden Optionen, mit den bereits gebuchten Flügen dazu zustoßen. Gerade war soweit alles fix, als mir durch die FA-Cup-Auslosung alles durcheinander geworfen und der ganze Ausflug nochmals überarbeitet werden musste, um den Hausfrieden nicht allzu sehr zu belasten. Schließlich wurden mit den Spurs endlich das langersehnte Traumlos für die Lions aus dem Pot gezogen….und da wollte ich auch hin. Also alles von vorn, Flüge stornieren, Zugfahrten und Flüge umbuchen etc. Meine späteren Reisegesellen verloren zwischenzeitlich komplett den Überblick und ich zugegebenermaßen auch. Allen Unkenrufen zum Trotz saß ich am Donnerstagabend tatsächlich im Flieger von Köln nach Sofia, wo sich in einem „netten“Hotel bereits die Jungs aus der Heimat bei „Hustler TV“ von ihrem Ausflug nach Griechenland erholten. Ich musste mir währenddessen ein wenig Freiraum im ohnehin engen Ryan-Air-Flieger erkämpfen, gab das Unterfangen jedoch auf, als ich die schicke „Wehrmacht“-Tätowierung auf dem Unterarm meines muskulösen Bulgarischen Nebenmanns erblickte. Bei den Anderen angekommen, saß mein Zimmerkollege schon da und checkte eifrig die Auslage von topescort.bg . Ich bediente mich zunächst an Balles flüssigen Mitbringseln aus Griechenland und unterstützte später fleißig beim „suchen“. Nach einer Menge Geblödel, erfolglosen Anrufen (wenn „Maria“ wüsste, was ihr entgangen ist), war dann aber auch mal schlafen angesagt.
Freitagmorgen: Das Bild eines reichhaltigen Frühstücksbuffets im Kopf, bewegte ich mich voller Erwartungen an die bulgarischen Spezialitäten zum Frühstück im „Restaurant“. Fünf Minuten später stand ich ziemlich ratlos vor dem sogenannten Buffet, was nur sollte ich hier essen, ohne eine Lebensmittelvergiftung zu bekommen? Was das angeht, bin ich schon speziell und bin bei fehlender Hygiene im Lebensmittelbereich überaus skeptisch. Um mich nicht allein mit möglichen Salmonellen rumzuärgern, lockte ich die Schläfer unter Vortäuschung falscher Tatsachen („fürstlich gedecktes Frühstücksbuffet“) aus den Betten. Aber dieser Bericht beweist, wir haben es alle überlebt. Nach einer kleinen Tour durch Sofia hieß die nächste Etappe Belgrad. Der Plan, am Abend noch ein ein Spiel in Zentralserbien zu gucken, wurde bereits vor der serbischen Grenze verworfen. Mich störte es wenig und die anderen drei hatten ja in den letzten Tagen mehr als genug vernünftige Spiele gesehen. Für uns blieb daher etwas Zeit, an einigen Punkten auszusteigen und die Gegend etwas auf uns wirken zu lassen…..oder an einer Raststätte einfach die serbischen Kochkünste. Ich müsste schon etwas überlegen, wann ich jemals so gut und preiswert an einer ordinären Raststätte gegessen habe. Obwohl….damals….mit Stuttgart irgendwo bei Innsbruck. Da war sogar alles umsonst.
Ohne Stress und bei schönstem Wetter passierten wir am späten Nachmittag Belgrads Stadtgrenze, Zeit genug, mal etwas die Nase in die serbische Luft zu halten. Für die „Balkan-Profis“ ist das ja alles nichts mehr neues, aber für mich war es der erste Ausflug nach Serbien und Belgrad, da guckt man schon etwas genauer hin. Erster Anlaufpunkt: die Heimstätte von Zvezda und deren Fanshops. Die Jungs im offiziellen Fanshop müssen sich schon etwas doof vorkommen in ihrem leeren Laden, während im benachbarten Shop der Delje die Leute mit vollen Tüten rausstolpern. Und weil wir eh da waren, wurden gleich noch die zwei Tickets für das morgigen Spiel klar gemacht. Zumindest glaubten wir das. Aufmerksam wie Balle ist, fiel ihm natürlich der fehlende Barcode am zweiten Ticket auf. Die Trulla an der Kasse wurde selbstverständlich sofort auf dieses Manko angesprochen, sie war jedoch weder der deutschen noch der englischen Sprache mächtig und wir hatten unsere Probleme mit der serbischen Mundart.
Etwas skeptisch zogen wir erst mal von dannen und checkten im Hotel ein. Das Ding war zwar etwas abgelegen, dafür aber umso hochwertiger. Hochwertig bzw. extravagant waren auch die Zimmer......zumindest für Pärchen. Mich macht es hingegen weniger an, Balle beim Duschen oder auf dem Klo vom Bett aus zu sehen, wie das umgekehrt ist, kann ich leider nicht beurteilen. Nachdem sich Micha und Robert über dieses Manko in unserem Zimmer amüsiert hatten, bezogen sie das ihrige und stellten selbiges in ihrer Unterkunft fest. Die hübsche Dame an der Rezeption hatte es durchaus gut mit uns gemeint als sie uns von „Economy“ auf „Superior-Zimmer“ verlegt hatte. Leider konnten wir sie nicht überreden, uns zu zeigen, wie die Dinger funktionieren. Nach all dem Gelächter konnten endlich mal ein paar Hülsen geleert und mit viel Überredungskunst auch Balle zu einem Ausflug in die Innenstadt überredet werden („Ich hab' nichts zum anziehen“; „ich stinke...“ ) . Kurze Zeit später saßen wir schon mit ein paar Sankt Gallern in einer serbischen Kneipe, erfreuten uns an den Preisen und dem weiblichen „Inventar“. Balles Balzverhalten („ Hey!“) zog leider nicht wie erwartet, auch nicht, als er anfing, sich rhythmisch zur Musik zu bewegen. Und seine neue Tinder-Bekanntschaft aus Novi Sad wollte ihm auch nicht glauben, dass er Flugzeugingenieur ist, das ganze war so frustrierend, dass wir glatt vergaßen, beim gehen die Rechnung zu zahlen. Gott sei Dank hatten wir noch ein paar finanzstarke Kumpels in der Kneipe sitzen, die sich um die Sache kümmern konnten. Pardon Jungs...war natürlich keine Absicht. Da ich mittlerweile schon ganz schön einen sitzen hatte, wählten wir (ok, Balle wollte eigentlich gern noch weiter machen und war reichlich enttäuscht) nach einem letzten Getränk den Rückzug. Die Warnungen unseres Taxifahrers von der Hinfahrt („ Don`t take these Taxis....you will pay much more“) ausschlagend, wählten wir natürlich das erstbeste Taxi. Mit seinem sportlichen Kurzhaarschnitt und den Joggingklamotten sah der Fahrer auch nicht viel unseriöser aus als die anderen Jungs. Statt 6 Euro wie bei der Hinfahrt, zahlten wir für unsere Menschenkenntnis knapp 30 Euro. Konnten aber immerhin im Taxi qualmen und nochmal Bier holen. Wer hat der kann....
Sonnabendvormittag stand im Zeichen des Tourismus. Sehenswürdigkeiten anglotzen, Bilder machen, nachdenklich gucken, Bilder machen beim nachdenklich gucken und essen/trinken. Konkret wurde zunächst die Festung von Belgrad angesteuert. Über dem Flussdelta von Save und Donau gelegen bietet sie dem Besucher einen schönen Blick auf die beiden genannten Flüsse, sowie weite Teile der Stadt. Wenn ich richtig informiert bin, sieht man von da oben hauptsächlich auf die Belgrader Stadteile Novi Beograd und Zemun. Wer etwas Zeit hat, sollte da ruhig mal hoch. Bei schönem Wetter (hatten wir), kann man sich zusätzlich in das Café auf der Burg setzen und den serbischen Schönheiten hinterher gucken (konnten wir nicht, Café war voll). Alles haben wir leider nicht gesehen, der Hunger trieb uns in die Innenstadt. Ich werde hier aber sicher nochmal herkommen und mir den gesamten Bau mit etwas mehr Zeit und Hintergrundwissen ansehen. Die Stadt ist eigentlich viel zu interessant, um sie mit ein paar Stündchen auf der Burg und in den Biergärten abzutun. Die Haupteinkaufsstraße unterscheidet sich aus meiner Sicht wenig von denen im westlichen Europa, alles gepflegt und mit diversen Modeketten wie sie bei uns das Stadtbild verschandeln. Gut, diverse Gebäude haben schon ziemlichen Ostblockflair wenn man mal noch oben guckt, was die Sache aber eigentlich noch interessanter macht. Unweit der Stelle, an der 2009 der Toulouse Fan Brice Taton ums Leben kam, machten wir es uns in einem etwas gehobeneren Restaurant gemütlich und genossen Speis und Trank zu angenehmen Preisen. Angenehm waren auch diverse Hühner, die in das benachbarte Brautmodengeschäft strömten. Die Singels unter uns stocherten aber lieber in ihren Cevapcici rum anstatt die Brautjungfern anzugraben und später in ihnen rumzustochern. Mindestens ein Mitglied aus unser Reisegruppe hätte dies bitter nötig gehabt.
Nach einem anschließenden Spaziergang und Biergartenbesuch sollte es dann aber endlich zum Stadion gehen.Die Polizeipräsenz nahm mit der Nähe zum Stadion sichtlich und fühlbar zu. Entlang der Straße wurden wir (wenn ich mich recht erinnere) sogar zweimal von den Cops auf diverses Werkzeug kontrolliert. Circa einen Kilometer vor Zvezdas Heimat dann auf einmal kompletter Stillstand. Die Straßenbahnen standen in Reihe, die Insassen auf der Straße und beobachteten das Treiben hinter den Vasallen der serbischen Regierung. Glückspilze wie wir sie nun mal sind, wurden wir Zeuge der Ankunft der Gäste. Auf unser Seite der Polizeisperre wurde es indes ziemlich hektisch. Wer da wem an die Gurgel wollte war nicht so richtig erkennbar. Ob nun Cvezda-Leute untereinander, gegen Partizan oder gegen die Bullen. Als dann letzten endlich diverse Gegenstände und 1-2 Fackeln auf die Bullen flogen, wurde es den Jungs zu bunt und sie setzten zum Gegenangriff an. Unsere Neugier trieb uns dummerweise ziemlich weit nach vorn, was um ein Haar fast zu diversen Beulen durch serbische Gummiknüppel geführt hätte. Eigentlich nichts Wildes, aber auf staatliche Obhut durch Missverständnisse hatte ich wenig Lust. Kurz danach signalisierten uns die Bullen durch freundliches Schwingen ihrer Knüppel, dass wir nun endlich weiter gehen konnten. Ein paar Meter weiter stand wiederum ein Bus mit Partizan-Leuten inmitten des Feindes, weil es mittlerweile so furchtbar warm war, hatten diese ganz unkonventionell ihre Scheiben geöffnet.....oder öffnen lassen. Das war Fußball wie ich ihn mir vorstelle...
Für mich als England-Fahrer wirkten die finsteren Gestalten rund um die Hütte von Roter Stern schon ziemlich beeindruckend. Ich weiß nicht, ob es „Belgrad Routiniers“ auch noch so geht, aber ich hatte dort schon ein gehörigen Respekt. Während sich Micha und Robert am Presseeingang von uns für die nächsten 2 ½ Stunden verabschiedeten, machten sich Balle und meine Wenigkeit mit einem unguten Gefühl auf zum Haupteingang. Die Sache mit dem fehlenden Barcode machte uns irgendwie Sorgen. Der Plan, die beiden aneinanderhängenden Tickets vor den Augen des Ordners abzureißen und ihm damit zu zeigen das die Dinger zusammengehören, scheiterte leider am Horizont dieser armen Gestalt. Balle laberte von drinnen, ich von draußen auf die Pappnase ein. Irgendwann kam der Chefordner, unterstellte mir Betrug und warf mich wieder raus. Ich hätte kotzen können, das Spiel war nahezu ausverkauft und ich stand plötzlich ohne Ticket da. Also wieder zurück zu den Kassen. Gott sei Dank war da wenig los und ich fand schnell einen Verantwortlichen, welcher den englischen Sprache mächtig war. Wie sich heraus stellte, hatte die Trulla am Vortag einige Karten ohne Barcode verkauft und dachte das wäre so ok. Der Reaktion meines Ansprechpartners zufolge, war ich nicht der Erste mit einer Menge Wut im Bauch. Allerdings wurde alles schnell geklärt und zehn Minuten später stand ich mit einem neuen Ticket neben Balle im Stadion und wartete nun 1 ½ Stunden vor Anpfiff auf das, was da kommen möge.
Die Ränge des Stadion Rajko Mitić füllten sich nur langsam, als mir die ersten Gesänge der Partizan-Anhänger im Gästeblock um die Ohren flogen. Zu diesem Zeitpunkt waren es maximal 1000-2000, die den Block bevölkerten, aber die Lautstärke machte Bock auf mehr. Circa 15 Minuten vor Beginn waren die Ränge überall brechend voll. Das hatte ich überhaupt nicht erwartet und Balle schien die, nun ziemlich beengte Situation an unseren Plätzen auch unheimlich zu nerven. Dann... Anpfiff. Endlich geht’s los. Für mich erfüllte sich mit dem Pfiff schon ein kleiner Traum. In der Kurve der Delje wurden roten Papen in die Luft gestreckt, ein Blick in den Gästebereich...nichts...Blick zurück...die Pappen werden durch Blinker unterstützt. Die Anordnung der Blinkbengalen sollte wohl das Wort „Delje“ erzeugen, konnte man aber auch erst später auf den Fotos erkennen. Nachdem die Delje ihr Intro über die Bühne gebracht hatten, zogen die Jungs im Gästebereich nach und zündeten einiges an schwarzem Rauch, unterlegt mit fliegenden Fackeln und ohrenbetäubenden Böllern; schon war das ein „nettes“Schauspiel. Die akustische Unterstützung von beiden Seiten fand ich ganz gut, wenn mir auch Partizan etwas besser gefallen hat (ohoh....wenn das Micha liest). Ein Problem bei der Bewertung der Stimmung sind wahrscheinlich die zu hohen Erwartungen. Schaut man sich Videos aus dem Innenraum an, haben die Gesänge eine wahnsinnige Lautstärke. Robert und Micha haben das ebenfalls bestätigt. Aber bei uns oben kamen die Gesänge während des gesamten Spiels leider nie so an, wie sie unsere Herren im Innenraum wahrgenommen haben. Die volle Hütte war der Akustik in diesem Falle nicht sonderlich zuträglich. Sicher, für jemanden, der das erste Mal auf dem Balkan war, ist das Jammern auf ganz hohem Niveau. In Zukunft werde ich mir im Vorfeld auch keine Videos mehr anschauen, das macht vieles kaputt. Nun gut, lassen wir das. Ich kann, drei Wochen nach diesem Spiel, gar nicht mehr wiedergeben, wann es wo gebrannt hat. Im Grunde brannte immer irgendwo eine Fackel, ein Schal, T-Shirts oder einfach nur Sitze. Bei den jeweiligen Toren wurde es entsprechend mehr. Sicher ist, ich habe noch nie ein Spiel mit dermaßen viel Pyrotechnik gesehen. Vor allem nicht über die Dauer von 90 Minuten. Wahnsinn. Sowohl bei Zvezdas Führungstreffer, als auch bei Partizans Ausgleich wurde dermaßen viel Zeug abgefackelt und Sitze auf das Feld gefeuert (Partizan), dass es bei uns wohl für die jeweiligen Vereine die nächsten zehn Jahre Geisterspiele gegeben hätte. Im großen und ganzen hat mir bei diesem Derby wirklich Partizan etwas besser gefallen. In deren Sektoren gab es immer was zu sehen, mal hauten sie sich gegenseitig auf die Mappe und ganz oft versuchten sie, die vielen kleinen Feuer im Block zu einem ganz großen werden zu lassen. Die Typen haben definitiv den größeren Dachschaden. In der nächsten „Republikflucht“ wird es sicher ein paar schöne Fotos dieses gestörten Haufens geben. Geflasht von dem gerade Erlebten, begann nach dem Spiel die mühsame Suche nach einem Taxi. Da unsere beiden Fotografen einige Fotos von der Keilerei der Partizani gemacht hatten und daraufhin verbal und non-verbal (fliegende Gegenstände) von den Protagonisten angefeindet wurden, hatte auch niemand Bock, den entsprechenden Leuten im Dunkel über den Weg zu laufen. Im Hellen eigentlich auch nicht.
Unten am Kreisverkehr waren die Bullen bereits dabei wieder alles für den Rückweg der Gäste abzusperren und wir fanden tatsächlich ein Taxi. Ich persönlich war eh komplett KO, die anderen auch , also ging's schnurstracks zurück zum Hotel und zur Nahrungsaufnahme. Bei ein paar Getränken wurden das Spiel und die Fotos nochmal ausgewertet, eher es komplett im Arsch in die Koje ging. Letzten Endes haben wir wirklich ein richtig gutes Spiel (Abseits des Spielfelds) gesehen, wenn auch meine Erwartungshaltung ein bisschen was kaputt gemacht hat. Die ganze Stadt, die Leute, der Fußball und natürlich auch das Preisniveau haben allerdings Lust auf mehr gemacht. Sobald es geht, werde ich wieder kommen...
Doch erstmal ging es in Richtung Kroatien, der Bericht folgt. Versprochen!